Aurora Levins Morales: Folterer

Aurora Levins Morales: Folterer

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Aurora Levins Morales: „Folterer“
„Torturers“ (1998) von Aurora Levins Morales 
In Medicine Stories: History, Culture and the Politics of Integrity. 
Cambridge: South End Press.  (S. 111–112).

Vor einigen Jahren waren die Medien voll von der Geschichte
zweier zehnjähriger Jungen aus England, die ein Kleinkind totgeschlagen hatten. 
Die Berichte trieften nur so vor Empörung und Hass auf die beiden Kinder. 
Sie wurden als unmenschlich, als böse, als schlechte Saat bezeichnet. 
Die Reporter ergingen sich wütend darin, dass die Jungen keine Reue zeigten, 
und forderten laut die Todesstrafe für Zehnjährige. 
Die absolute Ablehnung der Jungen konnte nicht oft genug lautstark 
oder vehement genug geäußert werden. Die gehören nicht zu uns. 
Wir sind nicht so wie sie. 
Wenn wir sie nicht zerstören, werden wir nie vor ihnen sicher sein. 
Was ich niemanden fragen hörte, war, 
was zwei Kinder bis zu ihrem 10. Lebensjahr erlebt haben mussten, 
um sie zu befähigen, ein anderes Kind mit einem Ziegelstein totzuschlagen.

Folterer werden gemacht und nicht geboren. 
Wir wissen genug über den ewigen Kreislauf der Gewalt, 
genug über das Training der Geheimpolizei und der Todesschwadronen, 
der speziellen militärischen Einheiten und Spione, um zu wissen, 
dass man Folter durch Folter lernt. 

Als Kind bekam ich intime Einblicke in diesen Vorgang. 
Mehrere Jahre lang wurde ich ohne das Wissen meiner Eltern 
von einer kleinen Gruppe von Erwachsenen, 
die – vor allem, wenn auch nicht ausschließlich an Kindern – 
körperliche, psychische und sexuelle Folter praktizierte, 
regelmäßig misshandelt und missbraucht. 
Es war deutlich, dass ihre Behandlung mehrere Ziele verfolgte. 
Sie verwirrten und schüchterten mich absichtlich ein, 
damit ich nicht verriet, was sie mit mir machten. 
Gleichzeitig versuchten sie auch, mich und die anderen Kinder 
zu den gleichen Menschen wie sie selbst zu machen, 
uns genügend von unserer eigenen Menschlichkeit zu trennen,
damit auch wir Folterer werden würden. Mir ist klar: 
Der erste Schritt, wie sie zu werden, war, andere zu entmenschlichen,
und zu diesem Ziel ihrer Grausamkeit gehörte es, uns dazu zu bringen,
sie zu hassen, ihnen wehtun zu wollen. 
Wir sollten sie als Monster ansehen, die wir gerne foltern würden. 
Sie wollten in uns die Saat ihres eigenen Schmerzes pflanzen.
Zum Teil verhinderte ich das, indem ich mir meine Täter als kleine Kinder vorstellte,
in einem Alter, in dem sie noch nicht so grausam gewesen waren. 
Ich stellte mir vor, dass Kinder, die selbst gefoltert worden waren,
im Körper der Erwachsenen, die mir weh taten, steckten. 
Insgeheim versuchte ich, ihren Blick zu erhaschen 
und ihnen Zeichen meiner Solidarität zu senden, 
um ihnen Mut zu machen. Man stelle sich nur vor, 
wie entsetzt sie über die Handlungen ihres erwachsenen Selbst sein mussten! 
Das war es, was mich diese Erlebnisse spirituell überleben ließ.

Wenn wir den Tätern dieser Welt nichts als Rache zu bieten haben, 
werden wir auf eine bedeutende Weise wie sie. Der Drang zu bestrafen, 
hinzurichten, sie auszulöschen ist die Weigerung, sich zu überlegen, 
wozu wir selbst fähig sein könnten.
Ich spreche für die Folterer, weil sie die Gefolterten sind, 
die nicht intakt überlebt haben. Ich spreche für diejenigen, 
die von der Welt, die sie erlebt haben, und der Rolle, 
zu der sie in dieser Welt gedrängt wurden, so betäubt wurden, 
dass sie die Realität des Schadens, den sie anrichten, nicht erkennen können.

Ich schrieb über die Männer, die mich gefoltert haben:
Es gibt Menschen auf dieser Welt, die so schreckliche Angst haben,
dass sie Tag und Nacht nach der Angst anderer hungern.
Es gibt Menschen auf dieser Welt, die ihre Wunden nur zeigen können,
indem sie sie anderen zufügen,
und auch die Geschichte meines eigenen Körpers
ist eine Karte ihres unaussprechlichen Schmerzes.
Es gibt nichts, was mich mehr rührt als die Geschichten von Menschen, 
die den Mut besaßen, ihre Menschlichkeit zurückzuerobern, 
selbst wenn sie sich aktiv an schändlichen Taten beteiligt haben. 

Zu wenige wissen, dass die wunderschöne Hymne „Amazing Grace“ 
von einem dankbaren Sklavenhändler verfasst wurde,
dem es mitten im Atlantik wie Schuppen von den Augen fiel, 
als er den Horror seiner Taten erkannte, woraufhin er sich weigerte, 
sich noch weiter an der Sklaverei zu beteiligen.

Wir werden solange dafür anfällig bleiben, aus Selbstschutz selbstgerecht zu werden, 
bis wir uns mit den Momenten befassen, in denen wir dazu gebracht, 
gezwungen oder verführt wurden, anderen Schaden zuzufügen. 

Wie die englischen Reporter äußern wir uns voller Entsetzen 
über solche Verbrechen, ohne die Verantwortung für eine Welt zu übernehmen, 
die Kinder immer wieder zu Kriminellen macht.

Ich mache mich für die radikale Weigerung, Kompromisse einzugehen, stark,
damit überhaupt jemand von uns heilen und neue moralische Entscheidungen
treffen kann, wiedergutmachen kann und die Verwandtschaft mit denjenigen,
denen wir weh getan haben, zurückerobern kann. 

Es gibt eine Zeit für berechtigten Zorn auf die Folterer, 
und es gibt eine Zeit für die Forderung, Verantwortung zu tragen 
und hart an sich zu arbeiten. 

Doch Bestrafung ist kein Mittel zur Befreiung; 
es ist die ohnmächtige Ausübung von Gewalt derjenigen, 
denen nichts Besseres einfällt. 
Es ist die Weigerung zuzugeben, dass wir mit denen, 
die uns weh getan haben, verwandt sind.