18.05.20 Chronologie der Corona - Ereignisse

Die schmerzhafte aber notwendige Aufarbeitung der Corona-Krise hat begonnen. Ein Sherlock Holmes der Politik wird nun gebraucht. Vor allem die folgende Frage gilt es in den kommenden Wochen präzise und ohne falsche Rücksichtnahmen zu beantworten:

Hat die Regierung die ernsten Warnungen aus China und aus dem Kreise der eigenen Experten wochenlang überhört und das Virus damit eingeladen, in Deutschland heimisch zu werden?

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Das jedenfalls legt ein investigativer Report von ARD  und „Welt am Sonntag“  nahe. Folgende Chronologie der Ereignisse wird dort geschildert:

► 31. Dezember 2019: Das internationale Frühwarnsystem ProMED verschickt eine E-Mail, in der es um eine unbekannte Lungenentzündung in China geht. Die Meldung zum neuartigen Coronavirus geht auch ans Robert Koch-Institut in Berlin.

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Tagesthemen

 

► 23. Januar 2020: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn sagt in den Tagesthemen : „Der Verlauf hier, das Infektionsgeschehen, ist deutlich milder, als wir es bei der Grippe sehen.“ 

► 27./28. Januar: erste bestätigte Infektion in Deutschland. 

► 29. Januar: Der Gesundheitsausschuss im Deutschen Bundestag kommt zusammen. Das Thema Coronavirus – Tagesordnungspunkt 5b – ist am Ende der Sitzung das Gesprächsthema. Der zentrale Pandemiebekämpfungs-Plan namens „Risikoanalyse zum Bevölkerungsschutz“ aus dem Jahr 2012 kommt aber nicht zur Sprache. Vielleicht kennt ihn keiner.

► Am 12. Februar sagt Spahn im Gesundheitsausschuss, die Gefahr einer Pandemie sei „eine zurzeit irreale Vorstellung“. 

► Am 26. Februar kommen im Bundesinnenministerium Experten zusammen. Es geht auch darum, dass der Vorrat an Masken knapp werden könnte. Es erfolgt keine Aktivität.

► 2. März: Der Gesundheitsausschuss kommt zu einer Sondersitzung zusammen. Es wird auch über die Absage von Großveranstaltungen diskutiert. Diskutiert, nicht beschlossen. 

► 8. März: Es wird bekannt, dass erstmals ein Deutscher im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion gestorben ist – ein 60-Jähriger, der nach Ägypten gereist war. Nun wacht die Regierung auf.

► 10. März: Die Bundesländer folgen der Linie von Gesundheitsminister Spahn, vielerorts werden Events mit mehr als 1000 Menschen abgesagt.

► 11. März: Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht nun von einer Pandemie.

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► 18. März: In einer TV-Ansprache mahnt Bundeskanzlerin Angela Merkel Solidarität und Disziplin an. Soziale Kontakte müssten minimiert werden: „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst.“

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Auf Tagesschau.de ziehen Arne Meyer-Fünffinger und Ann-Kathrin Wetter vom Bayerischen Rundfunk folgendes Fazit:

Deutschland kommt im internationalen Vergleich gut durch die Corona-Krise. Klar ist aber auch: 78 Tage sind vergangen von der ersten Meldung im Frühwarnsystem ProMED bis zu entschlossenen Maßnahmen: Großveranstaltungen abgesagt, Schulen zu, Geschäfte geschlossen. So wie es in der Blaupause von 2012 beschrieben steht.“

Vielleicht wäre es das Beste, ein Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag würde sich der Sache annehmen. Es geht jetzt nicht um Schuld. Aber es geht um Verantwortung. Und es geht um die Lehre für die nächste Pandemie. Der Bundestag, der bisher mit offenem Mund der Regierung beim Regieren und zuweilen eben auch beim Dilettieren zuschaut, sollte seine Untertänigkeit
überwinden. Bei der Bundeswehr würde man sagen: Bitte rühren!

 

Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Hoffnungen auf ein sogenanntes V-Szenario der Volkswirtschaft unrealistisch sind. Das V-Szenario beschreibt eine wirtschaftliche Entwicklung, die schnell abstürzt und sich genauso schnell wieder erholt. 

Es sind folgende fünf Indikatoren, die dagegen sprechen.

Erstens. Die Konsumenten überall im Westen sind verunsichert. In Amerika, wo derzeit rund 36 Millionen Amerikaner  arbeitslos gemeldet sind, aber auch in den europäischen Märkten registrieren die Hersteller eine Kaufzurückhaltung, die bis zur Kaufverweigerung reicht. Der vom deutschen Handelsverband herausgegebene Verbraucherindex, für den das „Handelsblatt Research Institute“ monatlich 2000 Menschen nach ihrer Stimmung befragt, erreichte im Mai mit 90,53 Punkten einen neuen Tiefpunkt.

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Zweitens. Die Frage nach den Kosten der Pandemiebekämpfung und die hohe Wahrscheinlichkeit, dass diese in nicht allzu ferner Zukunft auf die Steuerzahler überwälzt wird, lähmt den Konsum. Kurt Tucholsky wusste warum: „Das Volk versteht das meiste falsch; aber es fühlt das meiste richtig.“

Drittens. Selbst billionenschwere Liquiditätshilfen können lädierte Geschäftsmodelle nicht heilen. Auf absehbare Zeit gibt es für Eventveranstalter, Messebauer, Reisebüros, Tourismuskonzerne, Fluggesellschaften und Flugzeugbauer keine Rückkehr zur Normalität. Die Finanzhilfen für die Tui (1,8 Milliarden Euro), die Lufthansa (rund neun Milliarden Euro) oder der Rettungsschirm für Adidas (2,4 Milliarden Euro) lindern die Not, aber beseitigen sie nicht.

Viertens. Die fehlende Profitabilität dieser Branchen und die geschrumpfte Liquidität von Gastronomen, Einzelhändlern und vielen Solo-Unternehmern dürfte den Finanzsektor hart treffen. Die Kreditausfälle werden steigen. Die Finanzmarktaufsicht Bafin wird am Dienstag unter anderem verkünden, dass die bisher ausgesetzten Berichtspflichten und die zuweilen unbesicherte Kreditvergabe nur temporär waren. Die Angst vor einer Infektion, die von der Realwirtschaft auf den Finanzsektor überspringt, ist größer als groß. 

Fünftens. Auch den Versicherern geht es nicht gut. Der größte Rückversicherer der Welt, die Munich Re, hat gerade die Gewinnprognose 2020 kassiert und traut sich aufgrund der unsicheren Lage keine neue Einschätzung zu. 

Fazit: Die Krise nach der Krise hat begonnen. Die Pandemie ist von der Fledermaus auf den Menschen und von dort auf die Volkswirtschaften übergesprungen. Das Corona-Paradoxon: Jene Maßnahmen, die zur Unterbrechung der menschlichen Infektionsketten führen sollten, haben zugleich das ökonomische Infektionsgeschehen enorm beschleunigt.