13.04.20 CORONA-GEHORSAM - von Susanne Gaschke

13.04.20 CORONA-GEHORSAM - von Susanne Gaschke
Aus: DIE POLITIK IST NUN ENDGÜLTIG DURCHPÄDAGOGISIERT.                
GERADE DIE DEUTSCHEN GEFALLEN SICH IN 150-PROZENTIGEM CORONA-GEHORSAM

Die Debatte über den richtigen Umgang mit dem Coronavirus spaltet
unsere Gesellschaft brutaler, als die Flüchtlingsfrage es je vermochte.
Aber weshalb dominiert auf einmal die Fiktion, man könne dieses eine Risiko zu hundert Prozent besiegen?                         
WELCHE GESELLSCHAFT WOLLEN WIR SEIN?
DER «GESUNDE MENSCHENVERSTAND» HAT ALLERDINGS IM AUGENBLICK KEINE GUTE PRESSE.  
WER AUCH NUR DIE FRAGE ANDEUTET, OB DIE STILLLEGUNG DES GESAMTEN ÖFFENTLICHEN
UND WIRTSCHAFTLICHEN LEBENS ANGEMESSEN UND TATSÄCHLICH SO ALTERNATIVLOS SEI,

wie es die deutsche Bundesregierung, ihr Robert-Koch-Institut
und der staatstragende Teil der deutschen Medien darstellten,
MACHT SICH BEREITS VERDÄCHTIG.
SCHON IST DAS ETIKETT DES «CORONA-LEUGNERS» IM UMLAUF.
                                                                                                
DIE DEBATTE ÜBER DEN RICHTIGEN UMGANG MIT DEM VIRUS SPALTET UNSERE GESELLSCHAFT
BRUTALER,
als die Flüchtlingsfrage es je vermochte. Freunde reden nicht mehr miteinander.
Selbst tendenziell regierungskritische Zeitungen fragen heutzutage,                 
«welche Gesellschaft wir sein wollen: Eine Gesellschaft, die die Alten und Schwachen schützt?
Oder eine, in der nur die Stärksten überleben?» ….                      
Patienten, gerade ältere, trauen sich nicht mehr in Arztpraxen,
sie gehen nicht mehr zur Physiotherapie, nicht in die Krankenhäuser -  
teils aus Angst vor Ansteckung, teils aber auch aus Scham und Höflichkeit,
die es in dieser Generation noch gibt: Man will nicht stören.                       
Wie viele Opfer diese Haltung am Ende fordern
wird, kann erst nach der Krise ausgezählt werden, wenn überhaupt.     

DER GUTE DEUTSCHE                                                       
Gerade die Deutschen gefallen sich in 150-prozentigem Corona-Gehorsam,
wahrscheinlich ist immer noch viel von der Ja-Nein-, Schwarz-Weiss-,
Gut-Böse-, Freund-Feind-Mentalität Carl Schmitts übrig.
Nur wenn die Massnahmen beinhart sind und die Unterwerfung total ist,
nur wenn man kritische Nachfragen absolut unterlässt,
ist man ein guter CORONA-STAATSBÜRGER.                    
                                                                        
Man nimmt gefälligst bei Edeka seinen desinfizierten Einkaufswagen in Empfang,
steckt aber direkt danach seinen Parkschein in den nicht desinfizierten Automaten.
Man lässt sich als Paar von der  POLIZEI auseinander treiben bei dem kriminellen Versuch, im Park zwei Brötchen zu verzehren (Picknicks sind in der Berliner Corona-Allgemein-verfügung nicht verboten, aber die Polizei ist dagegen).                                                                                 
Man nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass offizielle Stellen monatelang vom MASKENTRAGEN abrieten (weil es ohnehin keine gab?) und akzeptiert, dass das Umbinden von selbstgenähten Stoffstücken mit Henkeln plötzlich erste Bürgerpflicht ist.                            
Die Krise befördert viele gesellschaftliche Prozesse, die ohnehin im Gang waren:
GOTTESDIENSTE sind nur noch ein GESUNDHEITSRISIKO.                                  
Die SONNTÄGLICHE ÖFFNUNG VON GESCHÄFTEN muss nicht mehr diskutiert
werden, wenn sie ZUR VOLKSVERSORGUNG nötig ist.                        
Die AUSGANGSSPERREN senken den CO2-Verbrauch.                                       
Die TOTALÜBERWACHUNG PER HANDY-TRACKING gilt nicht mehr als Einschränkung
von Grundrechten, sondern als Freiheitsversprechen:
Wer freiwillig mitmacht, wird hinaus dürfen.
Büros? Braucht man nicht mehr, das HOME-OFFICE funktioniert doch grossartig.        
Der DIGITALUNTERRICHT VON KINDERN funktioniert zwar überhaupt nicht -
aber es kümmern sich ja die MÜTTER, die jetzt wie in den fünfziger Jahren
des vergangenen Jahrhunderts ZU HAUSE bleiben, Kuchen backen,
Atemschutzmasken nähen und den Laden schmeissen.
DAS DEUTSCHE INFEKTIONSSCHUTZGESETZ WURDE KURZERHAND
ZUM ERMÄCHTIGUNGSGESETZ UMFUNKTIONIERT -  
                                
nur den Linken, den Grünen und der FDP ist zu verdanken,
dass das Parlament sich nicht vollständig selbst aufgegeben hat.                    
Gott sei Dank, lässt sich Widerspruch in Deutschland nicht einmal
durch die SELBSTGLEICHSCHALTUNG DER MEDIEN UNTERDRÜCKEN.                            
KONTAKTSPERREN-TOTALITARISMUS HANS-JÜRGEN PAPIER,
DER EHEMALIGE PRÄSIDENT DES BUNDESVERFASSUNGSGERICHTS, SAGT,                        
WENN SICH DIE VIELEN EINSCHRÄNKUNGEN DES ALLTAGS
ÜBER LÄNGERE ZEIT HINZÖGEN, SEI «DIE FREIHEIT IN GEFAHR»
.                                                               
Julian Nida-Rümelin, Philosoph, Physiker und ehemaliger
Bundeskulturbeauftragter,
plädiert dafür, die Risikogruppen besonders
zu schützen, aber die Jungen und Gesunden wieder ihrer Arbeit
und ihren Aktivitäten nachgehen zu lassen.         
Der Virologe Hendrik Streeck, der die Empirie des Virus erforscht
und das Robert-Koch-Regierungsinstitut scharf kritisiert,                           
sagt, wir brauchten «nicht auf Dauer extreme Beschränkungen».
Es sei schlimm, wenn Menschen sterben würden.                          
«Aber die Frage ist, ob man mit den Massnahmen andere Existenzen gefährdet
und dadurch auch Leben aufs Spiel setzt.» Doch solche Stimmen sind noch selten.                 
Die Bundesregierung gefällt sich bis auf weiteres im paternalistischen Modus
und würde am liebsten jede Diskussion über «Exit»-Strategien unterdrücken -         
obwohl auf das «Jetzt» ja ganz unweigerlich ein «Später» folgen muss.     
Dann wird es übrigens ein allgemeines Heulen und Wehklagen
über die ÖKONOMISCHEN UND ZWISCHENMENSCHLICHEN FOLGEN
DES KONTAKTSPERREN-TOTALITARISMUS
geben.
Einstweilen aber verhält sich ein Grossteil der Bevölkerung
selbst in der Diskussion unter Freunden regierungstreu -
vielleicht in der heimlichen Hoffnung,
Massnahmengehorsam sei ein wirksamer Abwehrzauber.

https://www.nzz.ch/meinung/coronavirus-in-deutschland-die-politik-ist-nun-offenbar
-endgueltig-durchpaedagogisiert-ld.1551134?mktcid=smsh&mktcval=OS%20Share%20Hub

von Susanne Gaschke - Publizistin und Autorin der «Welt».
Zuletzt erschien von ihr: «SPD. Eine Partei zwischen Burnout und Euphorie»